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„Wir reden in unserer Gesellschaft zu wenig über Geld“
Interview mit Claudia Müller über Vorsorge nicht nur für Frauen

18. May 2022 Free

Autor: Klaus Rathje, Foto: Tim Wegner

Selbst fürs Alter vorzusorgen und sich nicht allein auf die gesetzliche Rente zu verlassen, ist für Frauen besonders wichtig, weiß Claudia Müller, ehemalige Bundesbänkerin und Gründerin vom Female Finance Forum. Denn leider sind Frauen stärker von Altersarmut betroffen als Männer.

Von der Bankerin zum Female Finance Forum

Wie verrückt muss man sein, um einen festen Job bei der Deutschen Bundesbank zu kündigen, wie Sie es 2017 getan haben?

Claudia Müller: Ja, das ist nicht nur auf Verständnis gestoßen, zumal ich kurz vor der Verbeamtung stand damals. Für eine Weile war das für mich auch der perfekte Job: Ich durfte international arbeiten und mich mit nachhaltigen Geldanlagen beschäftigen – ein sehr spannendes Thema, was mir wirklich am Herzen liegt. Mir hat nur der Aspekt gefehlt, die Ergebnisse der eigenen Arbeit in der Praxis zu sehen. Deswegen habe ich mich auf die Suche gemacht nach einer Mission.

 

Diese Mission haben Sie inzwischen mit dem Female Finance Forum gefunden, das Sie vor knapp fünf Jahren gegründet haben.

Ja, wobei Frauen und Finanzen erst gar nicht mein Fokus gewesen sind. Ursprünglich wollte ich Menschen beibringen, wie nachhaltige Geldanlage funktioniert. Dann habe ich immer wieder gesehen, dass die Schwierigkeit nicht bei der Nachhaltigkeit liegt, sondern bei der Geldanlage. Denn solange die Leute keine Ahnung haben, was eigentlich eine Aktie oder eine Anleihe ist, bedeutet Nachhaltigkeit nur eine zusätzliche Komplexität, die sie erstmal abschreckt. Das heißt, wir müssen zunächst die Grundlagen schaffen und im nächsten Schritt erklären, dass das Ganze auch nachhaltig geht.

Gender-Pay-Gap / Gender-Pension-Gap

Warum haben Sie sich auf Frauen fokussiert?

Als ich mich mit finanzieller Bildung beschäftigt habe, bin ich immer wieder über erschreckende Fakten gestolpert: dass Frauen zum Beispiel stärker von Altersarmut betroffen sind als Männer. Ich habe mich gefragt, warum Frauen strukturell weniger Geld haben. Das Thema nachhaltige Geldanlage bleibt zentral, aber ich wende mich gezielt an Frauen, um sie im Bereich Finanzen zu stärken.

 

Wo liegen die Hauptgründe, dass Frauen strukturell weniger Geld haben?

Ein Grund liegt darin, dass Frauen im Schnitt 18 Prozent weniger Gehalt bekommen im Vergleich zu Männern, der berühmte Gender-Pay-Gap. In einer Beziehung ist der Mann statistisch gesehen 2,5 Jahre älter. Das heißt, bei einem Paar ist der Gehaltsunterschied noch größer, weil sich der Mann eventuell schon auf einer höheren Karrierestufe befindet. Da herrscht also schon mal ein gewisses Gehaltsgefälle. Wenn dann Kinder mit ins Spiel kommen, ist es oft so, dass derjenige, der mehr Geld nach Hause bringt, mehr arbeitet und sich der andere Part mehr um die Kinder kümmert. Letzteres ist dann eben wieder meistens die Frau, die dann auch später noch oft länger in Teilzeit arbeitet.

Wir müssen uns mehr mit Vorsorge und Vermögensaufbau beschäftigen

Somit liegt der tatsächliche Vermögensunterschied innerhalb einer Partnerschaft nochmal deutlich höher als die 18 Prozent.

Genau, der kann insgesamt bei 40 Prozent liegen. Das heißt, die Frau hat in der Regel weniger Einkommen im Hier und Jetzt, was sich unmittelbar auf die Rente auswirkt. Frauen müssen sich also umso mehr mit Vorsorge und Vermögensaufbau beschäftigen. Nur leider ist es so, dass wir in unserer Gesellschaft viel zu wenig über Geld reden. Selbst innerhalb einer Partnerschaft wissen viele gar nicht, wieviel der oder die andere verdient – und somit auch nicht, wie die Vorsorge fürs Alter aussieht. Wer also beruflich zurücksteckt, um sich mehr um die Kinder zu kümmern, sollte wissen, was das finanziell bedeutet. Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Ehe in Deutschland nur 14 Jahre hält, dann ist also die Zeit danach im Regelfall viel länger. Für diesen Zeitraum müssen gerade die Frauen vorsorgen, denn es gibt keine staatliche Rentenkompensation dafür, dass man der Familie zuliebe weniger gearbeitet hat.

 

Also, sollten alle mehr über Geld reden, damit wir uns mehr mit Vorsorge und Vermögensaufbau beschäftigen.

Ja, denn es gibt viele Menschen, natürlich nicht nur Frauen, die nicht so genau wissen, wie sie geschickter mit ihrem Geld umgehen können. Wer darüber offen spricht, bekommt eher einen wertvollen Tipp oder kann sich mit anderen zusammentun, um die bestmögliche Lösung zu finden. Übrigens zieht sich das Unwissen durch alle Bildungsschichten – und Männer wissen im Schnitt genauso wenig darüber wie Frauen, nur wie gesagt, wirkt sich das nicht ganz so problematisch bei ihnen aus, weil sie ja insgesamt vermögender sind.

Altersvorfreude mit der Altersvorsorge

Vertrauen wir der gesetzlichen Rente zu sehr?

Ja, es verlassen sich immer noch zu viele auf die gesetzliche Rente, aber die wird bei den meisten nicht reichen. Die Rente ist auch nicht dafür gemacht, dass sie reichen soll. Das ist ein großes Missverständnis in unserer Gesellschaft. 75 Prozent aller Frauen, die heute zwischen 30 und 50 Jahren alt sind, werden eine Rente bekommen, die unter dem Sozialhilfeniveau liegt.

 

Mit Ihrem Buch „Finanzen – Freiheit – Vorsorge: Der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit – nicht nur für Frauen“ wollen Sie aufklären. Wie können wir am besten vorsorgen fürs Alter?

Wenn Sie Mitte bis Ende 20 Jahre alt sind, dann sollten Sie zehn Prozent Ihres Einkommens investieren. In späteren Lebensjahrzehnten kann es mehr sein, je nachdem, wie spät Sie anfangen. Es ist sehr sinnvoll eine feste Sparrate zu haben, zum Beispiel für einen ETF-Sparplan, also einen Fondssparplan. Hier besteht ein niedriges Risiko bei niedrigen Kosten und einer hohen Rendite. Bei den Inflationsraten, die wir gerade haben, dürfen wir das Geld nicht liegen lassen, außer vielleicht den berühmten Notgroschen, den jeder haben sollte. Mein persönlicher Schwerpunkt liegt auf dem Investieren an der Börse. Für Festangestellte empfiehlt sich zudem die betriebliche Altersvorsorge. Ich würde mir übrigens wünschen, dass wir nicht von Altersvorsorge reden, sondern lieber von Altersvorfreude. So macht es viel mehr Spaß, darüber nachzudenken, wie ich meinen Ruhestand finanziell gestalten kann.

 

Warum ist betriebliche Altersvorsorge empfehlenswert?

Ich würde unbedingt jeder Person raten, mit der Arbeitgeberin oder dem Arbeitgeber zu reden, welche Möglichkeiten der betrieblichen Altersvorsorge es anbietet. Da gibt es natürlich Unterschiede, inwieweit sich das Unternehmen mit einem Zuschuss engagiert, aber es lohnt sich in jedem Fall, sich zu informieren, es lohnt sich auch fast immer, so etwas abzuschließen. Wenn ich beispielsweise weiß, dass ich nur ein Jahr in der Firma bleiben werde, dann kann es auch mal keinen Sinn machen, aber ab drei oder fünf Jahren schon. Wer nur kurz bei einem Unternehmen bleiben will, kann sich aber informieren, ob die betriebliche Vorsorge übertragbar ist und die Wahrscheinlichkeit besteht, dass der nächste Arbeitgeber oder die nächste Arbeitgeberin dasselbe Angebot hat.

XEMPUS_Artikel_Müller_Buch.jpg Von der Bankerin zur Autorin. Claudia Müller hat auch ein Buch zum Thema veröffentlicht: Finanzen - Freiheit - Vorsorge: Der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit - nicht nur für Frauen.
Das Female Finance Forum

Übers Female Finance Forum beraten Sie gezielt Frauen in Puncto Vorsorge und Vermögensaufbau. Wie funktioniert das?

Meine drei Kolleginnen und ich halten Vorträge bei Unternehmen oder Bildungseinrichtungen und es gibt Stammtische vom Female Finance Forum. Hier fühlen sich Frauen unter Frauen wohler, weil die anderen vielleicht auch noch etwas unsicher beim Thema Finanzen sind. Der Finanzsektor ist insgesamt männlich geprägt und spricht eher Männer an. Es wird gewissermaßen an Frauen vorbeikommuniziert. Frauen sind manchmal etwas zögerlicher, weil sie sich intensiver informieren als Männer. Wenn wir Frauen dann aber loslegen mit dem Geld investieren, schneiden wir oft besser ab.

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Autor

Klaus Rathje

Klaus Rathje arbeitet als freier Autor in Berlin und Nordfriesland. Er schreibt Bücher („Die Stinnes – vom Rhein in die Welt“) und berichtet über Themen von Digitalisierung über Familienunternehmen bis New Work. In seinem Podcast „Berliner Zimmer“ interviewt er regelmäßig Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Hauptstadt.

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